A.T. Kearney Global Services Location Index (GSLI) 2011: Indien, China und Malaysia weiterhin erste Wahl. Steigende Komplexität und Währungsschwankungen wirbeln Mittelfeld durcheinander. Offshoring: Karten werden neu gemischt Wien, 28. März 2011
Indien, China und Malaysia sind nach wie vor die attraktivsten Offshore-Länder für Unternehmen aus aller Welt. Sie führen auch den jüngsten Global Services Location Index (GSLI) an, mit dem die Unternehmensberatung A.T. Kearney alle zwei Jahre die Qualität von 50 Ländern als alternative Produktions- und Dienstleistungsstandorte misst. Entscheidend sind dabei die jeweiligen Lohnkosten sowie das Ausbildungs- und Leistungsniveau lokaler Arbeitskräfte, aber auch die Qualität von IT-Services und Back-Office-Einrichtungen. Zunehmende Komplexität und Volatilität der globalen Märkte haben zu massiven Veränderungen im Ranking der Top-Offshoring-Destinationen geführt. Vor allem Mexiko, die baltischen Staaten, die Vereinigten Arabischen Emirate sowie Großbritannien steigen im Index. Die Gründe dafür sind abschwächende Währungen und sinkende Löhne. Das von politischen Unruhen gebeutelte Ägypten konnte sich von Rang 6 auf Rang 4 verbessern, wobei die jüngsten politischen Unruhen jedoch nicht mehr in den Beobachtungszeitraum gefallen sind.
Zunehmende Komplexität und Volatilität der globalen Märkte haben den 2003 eingeführten GSLI kräftig durcheinandergewirbelt. Mit Indien (Platz 1), China (2) und Malaysia (3) sowie Indonesien (5), Thailand (7), Vietnam (8) und den Philippinen (9) dominiert der asiatische Raum das Ranking zwar eindeutig. Doch der Nahe Osten und Nordafrika gewinnen zum Zeitpunkt der Erhebung zunehmend an Attraktivität. Gründe dafür sind vor allem die Nähe zum hochindustriellen Westen Europas und viele gut ausgebildete Fachkräfte. Gleichzeitig haben sich aufgrund der Devisenkursentwicklung die Kosten in Mexiko, Estland, Lettland, Litauen, den Vereinigten Arabischen Emirate sowie Großbritannien sehr reduziert und die Länder im aktuellen GSLI einige Ränge nach oben klettern lassen. Auch Russland hat sich seit der letzten Erhebung im Jahr 2009 stark verbessert. Die USA, auf die allein 63 Prozent der weltweiten Ausgaben für IT-Outsourcing entfallen, sinken um vier Plätze auf Rang 18. Deutschland liegt in der aktuellen Tabelle auf Rang 29 und konnte sich um fünf Plätze nach vorne bewegen. Schlusslichter sind die Türkei, Irland und Portugal.
Risikopotenzial Nordafrika neu anpassen
Inwieweit Aufsteiger Ägypten, im A.T. Kearney-Ranking immerhin die Nummer vier, und Tunesien, das den Sprung von Platz 23 auf Platz 17 schaffte, wegen der politischen Unruhen zurückfallen werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar. „Selbst wenn sich die Lage in Ägypten und Tunesien recht schnell wieder stabilisiert. Die Attraktivität dieser Länder als Offshoring-Standorte hat natürlich in den Augen von Investoren und Unternehmen sehr gelitten. Mittelfristig könnte dies dazu führen, dass Unternehmen ihr Risikoprofil für die gesamte Region Nordafrika anpassen müssen. Hier gilt es, die weitere Entwicklung genau zu beobachten”, sagt Martin Sonnenschein, Managing Director Central Europe von A.T. Kearney.
Offshoring um Umbruch
Nicht nur die Attraktivität weltweit konkurrierender Industrie- und Dienstleistungsstandorte verändert sich unter dem Eindruck aufstrebender Wirtschaftsregionen zum Teil dramatisch. Auch das Outsourcing an sich befindet nach Überzeugung von A.T. Kearney in einer starken Umbruchphase. Kooperations-Modelle mit langfristigen Laufzeiten, Pauschaltarifen oder Vor-Ort-Systemintegration machen zunehmend Platz für flexible Vereinbarungen, standardisierte Software-Lösungen und Pay-Per-Use-Angebote – eine Variante, die besonders dem Wunsch der Anwender nach flexiblen Bezugsmöglichkeiten entgegenkommt. Danach wird nur das bezahlt, was Unternehmen konkret an Software nutzen. „In einer zunehmend vernetzten Welt hat das Zeitalter der Globalisierung von Dienstleistungen gerade erst begonnen“, sagt Sonnenschein: „Das Outsouring von IT-Funktionen und die konsequente Verlagerung standardisierter Geschäftsprozesse sind erst der Anfang eines langfristigen Trends. Unternehmen gehen dazu über, auch Funktionen, bei denen spezifischen lokalen Marktanforderungen entsprochen werden muss, in Niedriglohnländer auszulagern.“ So hat sich in den letzten Jahren ein Wandel vollzogen, der die Schwellenländer zu wahren Produktionshochburgen gemacht hat. In Zukunft kann man auch in allen anderen Bereichen der Leistungserbringung eines Unternehmens mit einer ähnlichen Entwicklung rechnen. „Die Schlagzeilen über die anhaltende wirtschaftliche Volatilität macht den Weg für die Unternehmen weiterhin steinig: Sorgen um Staatsanleihen, Währungsschwankungen und Arbeitslosigkeit trüben die weltwirtschaftliche Entwicklung“, sagt Sonnenschein: „Aber die langfristigen Aussichten erscheinen seit der ersten Ausgabe des Global Services Location Index im Jahr 2003 unverändert: Eine zunehmend vernetzte Welt und die steigende Nachfrage lassen auch das Offshoring weiter im Aufwind bleiben.“
Der GSLI vergleicht die weltweit Top-50-Länder anhand ihres Outsourcing-Attraktivität in verschiedenen für eine Offshoring-Entscheidung relevanten Aspekten und Kategorien wie beispielsweise IT-Services und -Support, Back-Office-Unterstützung, Kostenvorteile, Verfügbarkeit gut ausgebildeter Fachkräfte, wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Global Services Location Index 2011 - Top 20
(Zahlen in Klammern entspricht Rang im 2009 GSLI)
1.
Indien (1)
2.
China (2)
3.
Malaysia (3)
4.
Ägypten (6)
5.
Indonesien (5)
6.
Mexico (11)
7.
Thailand (4)
8.
Vietnam (10)
9.
Philipinen (7)
10.
Chile (8)
11.
Estland (18)
12.
Brasilien (12)
13.
Lettland (22)
14.
Litauen (21)
15.
Vereinigte Arabische Emirate (29)
16.
Großbritannien* (31)
17.
Bulgarien (13)
18.
USA* (14)
19.
Costa Rica (23)
20.
Russland (33)
* Basis: Niedriglohngebiete in jedem Land: San Antonio (USA), Belfast (Großbritannien).